Die Stiftskirche


Ein Fenster zur Vergangenheit geöffnet
Stiftskirche Wertheim: Bei Renovierung des Gotteshauses Entdecktes der Öffentlichkeit am Sonntag vorgestellt

© Fränkische Nachrichten -13.05.2014

WERTHEIM. Auf der "Großbaustelle Stiftskirche" hat sich ein weiteres Fenster in die Vergangenheit geöffnet. Gemeinsam mit Dekan Hayo Büsing und Dr. Jörg Paczkowski warfen zahlreiche Interessierte nach dem Gottesdienst am Sonntag einen Blick hindurch bis zurück in die Zeit, als das Gotteshaus Ende des 14. Jahrhunderts gebaut wurde.

Denn einiges, was man jetzt neu entdeckt hat, stammt ganz offensichtlich aus jenen Anfangstagen. Gefunden wurde es, wegen des vorübergehenden Umzugs des Grafen Ludwig zu Stolberg-Königstein-Wertheim und der Gräfin Walburga, deren Epitaph momentan restauriert wird. Daran hat der Zahn der Zeit genagt. Feuchtigkeit, die an der Südseite der Stiftskirche durch die Wand drang, hat unter anderem die eisernen Halteanker der Denkmale dort durchrosten lassen (wir berichteten). Als man deshalb den Stolberg "abgeräumt" hatte, kam dahinter, schilderte Paczkowski, "eine originale Wand von vor 1574 zum Vorschein" und auf dieser Malereien, die noch weiter, bis in die Zeit des Mittelalters, zurückreichen. Darunter, wenn man nicht genau hinschaut, kaum zu sehen, ein Weihekreuz, das der Denkmalpfleger etwa auf 1388 datiert, das wäre das Jahr, in dem der Chor der heutigen Stiftskirche erbaut wurde.

Eine zugemauerte Nische unter dem Weihekreuz würde Paczkowski gerne frei räumen. Er vermutet, dass dahinter einmal möglicherweise ein Sakrarium war, ein besonderes Becken zur Aufnahme geweihter "Abfälle". Für eine weitere Nische, "Baujahr 1574, wenn nicht noch viel älter" ist die frühere Verwendung unbekannt. Ein Detail, auf das Paczkowski besonders aufmerksam machte: An den neu entdeckten Malereien findet sich genau der Farb- vor allem der Rotton, der jüngst bei der Innenrenovierung des Gotteshauses Verwendung fand und bei dem man sich auf Befunde aus der Zeit Ausgangs des 19. Jahrhunderts stützte.

Natürlich interessierten sich die Besucher auch für die "prominenteste Baustelle" im Chorraum. Schicht für Schicht wird hier, erläuterten der Denkmalpfleger und der Dekan, die sogenannte "Bettlade", das Baldachingrab für Graf Ludwig III. von Löwenstein-Wertheim und seiner Frau Anna von Stolberg wieder zusammengefügt, das nach umfangreicher Restaurierung zwischenzeitlich in die Stiftskirche zurückgekehrt ist.

Im vorangegangenen Gottesdienst stand ein anderes Kunstwerk im Mittelpunkt, nämlich das Bild "Das Taubertal" von Otto Modersohn aus dem Jahr 1924, eine weitere "Wertheimer Ansicht", die man einer genaueren Betrachtung unterzog. Dr. Jörg Paczkowski verwies darauf, dass Otto Modersohn ein christlicher Mensch gewesen sei, "der uns durch seine Bilder ermöglicht, die Landschaft als göttliche Schöpfung erleben und bewusst werden lässt".

Das vorgestellte Gemälde gehöre zu den wenigen fränkischen Bildern ohne Architektur oder Staffage. Es zeigt einen einfachen Landschaftsausschnitt, bestimmt durch den Standort des Malers am Uferrand, links eine Wiese und Büsche, rechts der Fluss mit Spiegelung, in der oberen Hälfte Hügel und Weinberge, mit Buschreihen bewachsen. Eine Vielfalt verschiedener Grün bestimme das Bild, ein rotes Dach schimmere heraus.

"Die Naturformen sind zusammengefasst und zueinander gefügt. Kühle Farbzonen korrespondieren mit warmtonigen Flächen." Der gesamte malerische Erfahrungsreichtum Modersohns komme in diesem einfachen Landschaftsausschnitt zum Ausdruck, so Dr. Jörg Paczkowski.

Dekan Hayo Büsing verglich den Künstler in seiner Predigt mit einem der Kundschafter, die einst von Moses ausgesandt worden seien. "In seinem Bild transportiert er seine Sicht auf die reizvolle Naturlandschaft, die dem gelobten Land gleicht, in dem Milch und Honig fließen." Man fühle sich in eine faszinierende, Harmonie ausstrahlende, fast paradiesische Landschaft versetzt. Dem Auge des Betrachters eröffne sich "eine neue, fast heile Welt, in der der Mensch nur eine scheinbar nebensächliche Rolle innehat".

Der Aufstieg der Natur und des Waldes zum bevorzugten Ort der Begegnung mit Gott habe mit der Zerstörung der Natur durch die Industrialisierung begonnen, erklärte Büsing. Erst durch die Übergriffe der menschlichen Zivilisation sei der Wald "zu jenem Heiligtum, als das ihn die Romantiker betrachtet haben" geworden. Natur und Wald seien zum Gegenbild einer als entfremdet erfahrenen Welt, zu jenem paradiesischen Ort geworden, den der Mensch schuldhaft verlassen habe, zu dem ihn aber die Sehnsucht immer wieder hintreibe.

In der Betrachtung der Natur könne der Mensch zur Besinnung kommen und seinen Platz eingebettet in der Schöpfung finden. Der "Zauber der Tauber" schlage bis heute viele in seinen Bann. Modersohn liefere mit seinem Gemälde ein Meditationsbild, "das uns in die Mitte hineinnimmt und uns, je länger, je mehr zu neuen Antworten provoziert, wie wir im Einklang mit der Natur leben und unsere Welt verantwortlich gestalten können".

Bild 1: Einblick in die Vergangenheit der Stiftskirche Wertheim bot Dr. Jörg Paczkowski (vorne) am Sonntag nach dem Gottesdienst einem interessierten Publikum. © Kellner

Bild 2: Das Bild "Das Taubertal" von Otto Modersohn wurde ebenfalls von Dr. Jörg Paczkowski und Dekan Hayo Büsing erläutert. © Kellner


70000 Euro für Erhalt eines Denkmals
Stiftskirche: Deutsche Stiftung Denkmalschutz fördert Sanierung aus Erlösen der „GlücksSpirale“

© Fränkische Nachrichten -10.07.201

WERTHEIM. Freude für Dekan Hayo Büsing und die evangelische Kirchengemeinde Wertheim: Erneut beteiligt sich die private Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) dank der Lotterie "GlücksSpirale", deren Destinatär die Denkmalstiftung seit 1991 ist, an der Innenraumsanierung der Stiftskirche.
Wie es in einer Pressemitteilung der DSD-Verantwortlichen heißt, fehlen der Kirchengemeinde nach Abschluss der jüngsten statischen Sicherungsarbeiten, vor allem im Dach und an der Mauerkrone, die 2005 notwendig wurden, nun die Mittel, um die notwendigen Innenarbeiten vornehmen zu können.

Erneute Unterstützung

Die Stiftung stellte bereits vor zwei Jahren für die Restaurierung der sogenannten "Bettlade", des Baldachingrabmals Graf Ludwigs III. im Chor, 75000 Euro zur Verfügung. Nun erhält die Gemeinde weitere 70000 Euro für die Restaurierungs- und Konservierungsmaßnahmen am feuchtigkeitsgeschädigten Epitaph des Grafen Ludwig zu Stolberg-Königstein-Wertheim und der Gräfin Walburga, "die nicht länger aufschiebbar sind" (wir berichteten bereits ausführlich). Der Fördervertrag soll bei der Kirchengemeinde in den nächsten Tagen eingehen. Mit einer kurzen Zusammenfassung der Baugeschichte würdigen die DSD-Verantwortlichen die besondere bauhistorische Bedeutung der Stiftskirche: Mit der Errichtung der dreischiffigen gotischen Pfeilerbasilika begann man 1383 unter Verwendung der Reste einer romanischen Vorgängerkirche. An den hohen gewölbten Chor schließt sich nach Westen hin ein sehr schlichtes, verputztes Langhaus an, das flachgedeckt ist. Die Kassettendecke stammt vermutlich aus dem 16. Jahrhundert. Der fünfgeschossige Turm mit Spitzhelm wurde im 15. Jahrhundert an der Nordwestecke des Gotteshauses angebaut.
Das Innere prägen Partien spätgotischer Wandmalereien und insbesondere zahlreiche gräfliche und bürgerliche Epitaphien und Grabdenkmäler. Dazu gehört auch das Freigrab für Graf Ludwig zu Löwenstein-Wertheim und seine Frau Walburga, geborene zu Stolberg. Das monumentale Baldachingrab aus Alabaster mit zwei Liegefiguren, reicher Ornamentierung, Säulen und aufwendigem Baldachinhimmel schuf 1618 Michael Kern aus Forchtenberg.

Überregionale Bedeutung

"Die evangelische Stiftskirche von Wertheim besitzt mit ihrer reichen, überaus qualitätvollen Ausstattung überregionale Bedeutung", heißt es in der Mitteilung weiter. Abschließend weisen die Initiatoren darauf hin, dass das Wertheimer Gotteshaus zu den über 240 Projekten gehöre, die die private Denkmalstiftung dank Spenden und Mitteln der "GlücksSpirale", der Rentenlotterie von Lotto, allein in Baden-Württemberg fördern konnte.
"Die Freude ist natürlich sehr groß", bekannte Dekan Hayo Büsing auf Nachfrage der Fränkischen Nachrichten. Denn mit der Zuwendung der DSD "sind unsere finanziellen Sorgen fast erledigt". So habe man hinsichtlich der Sanierung der Denkmale in den vergangenen Wochen "einiges auf den Weg bringen können" und neben Einzelspenden Zusagen für Zuschüsse von der evangelischen Landeskirche, dem Land Baden-Württemberg und dem Bund erhalten. Dafür sprach er allen einen großen Dank aus. Nun hoffe man, den zweiten Bauabschnitt zur Restaurierung der Denkmale auf der Südseite der Stiftskirche umsetzen zu können.

Arbeitsbeginn im Spätsommer

Der Dekan ging gestern Nachmittag davon aus, dass der Kirchengemeinderat in seiner Sitzung am morgigen Donnerstag die Maßnahme beschließen wird. Dann sei es möglich, die Aufträge zu vergeben und wohl im Spätsommer mit den Arbeiten zu beginnen.
Die Kostenschätzungen der Kirchengemeinde für die Gesamtmaßnahme betragen rund 340
000 Euro. Davon sind bislang zirka 311000 Euro durch Zuschüsse gedeckt. Damit bleibt für die evangelische Gemeinde noch eine Finanzierungslücke von rund 29000 Euro.

Um diese schließen zu können, "hoffen wir jetzt auch auf die Unterstützung der Stadt", bekannte Büsing. Gleichzeitig betonte er, dass es sich bei den Kosten immer noch um bislang geschätzte Beträge handele. Diese Summe sei nur dann einzuhalten, wenn bei der Sanierung nichts Unvorhergesehenes eintrete. Auch wenn noch nicht alle Unwägbarkeiten ausgeschlossen sind, ist der Dekan sehr zufrieden. Denn: "Jetzt sind wir auf der Zielgeraden, was die Sanierung der Epitaphien in der Stiftskirche angeht." zug/su

Bild: Das Denkmal des Grafen Ludwig zu Stolberg-Königstein-Wertheim und der Gräfin Walburga in der Wertheimer Stiftskirche.© Marinelli


 

 

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