Stein gewordene Geschichte – Die Stiftskirche in Wertheim

Das romantische Wertheim, ganz im Norden Badens gelegen, ist allein schon einen Besuch wert. Eine besondere Sehenswürdigkeit, die jedes Jahr Zehntausende Besucher anzieht, ist die Stiftskirche aus dem 14. Jahrhundert.

Die Grundsteinlegung der dreischiffigen Pfeilerbasilika erfolgte im Jahr 1384 an der Stelle, an der vermutlich bereits zwei romanische Vorgängerbauten gestanden hatten. Über der nördlichen Eingangstür steht die berühmte „Wertheimer Madonna“ aus der Zeit um 1320, die vermutlich noch aus der Vorgängerkirche stammt. Der leicht asymmetrische Grundriss – unter anderem bildet die Mittelachse von Hauptschiff und Chor keine Gerade – geht zum Einen auf den damaligen Straßenverlauf westlich des Gebäudes zurück, zum Anderen möglicherweise auf einen Vermessungsfehler.

Zahlreiche – freiwillige und unfreiwillige – Umgestaltungen haben im Laufe der Jahrhunderte das Aussehen der Stiftskirche immer wieder stark verändert: So fielen zum Beispiel dem post-reformatorischen Bildersturm alle zehn Altäre zum Opfer; einer von ihnen kann heute zumindest im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe besichtigt werden und lässt den ursprünglichen Prunk im gotischen Kircheninnenraum erahnen.

Um 1680 erhielt die Kirche ihre Empore (erneuert 1957). Wegen des dadurch verringerten Lichteinfalls brach man das Maßwerk der Fenster heraus; auch die viereckigen Fenster unterhalb der Empore stammen erst aus dieser Zeit. Lediglich das Fenster, in das später die Tür zur Bibliothek eingebaut wurde, ist noch in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten. Dieser Bibliotheksanbau aus dem Jahr 1448 birgt einen Schatz von rund 900 mittelalterlichen Handschriften und frühen Drucken, darunter eine der drei noch existierenden sogenannten Wertheimer Bibeln.
Bei der umfassenden Sanierung 2005–2007 kamen im nördlichen Seitenschiff spätgotische Fresken und am Chorgewölbe die herrliche florale Rankenbemalung aus dem 19. Jahrhundert wieder zum Vorschein, die in den 1950er Jahren übertüncht worden waren.

Überhaupt bildet der Chorraum mit seinen Denkmälern den wohl eindrucksvollsten Teil der Stiftskirche. Der ursprüngliche Lettner, der den Chor der Stiftsherren von der übrigen Gemeinde abtrennte, ist heute zwar nicht mehr vorhanden. Dafür hängt das große Kruzifix aus dem Jahr 1682 heute wieder an seinem ursprünglichen Platz im Triumphbogen, nachdem es von 1957 bis 2007 hinter dem Altar stand.

Zahlreiche Epitaphien und Grabsteine zeugen von der Bedeutung der Stiftskirche als dynastische Grablege. Der wohl prunkvollste dieser steinernen Blickfänge ist die sogenannte „Bettlage“: Das Baldachingrab des Grafen Ludwig III. von Löwenstein und seiner Frau, Gräfin Anna von Stolberg, befindet sich in der Mitte des Chorraums direkt hinter dem Altar. Es zeigt das Grafenpaar liegend, am Kopfende wacht ein Löwe; tatsächlich bestattet wurde darin allerdings niemand. Geschaffen hat das Alabasterkunstwerk in den Jahren zwischen 1616 und 1618 der damals in Franken berühmte Künstler Michael Kern; 2011 wurde die Bettlage aufwändig restauriert.

(Judith Knöbel-Methner)

Information: Die Stiftskirche Wertheim trägt das Signet „Geöffnete Kirche“ und kann täglich von 8 bis 18 Uhr (im Winter bis 17 Uhr) besichtigt werden. Zur Besinnung steht ein Andachtsraum zur Verfügung.


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